Rezension: Kein Bock Club (Maria Popov)

Überblick
Warum können wir als Gesellschaft nicht akzeptieren, dass nicht alle Menschen immer Bock haben? Diese Frage versucht die Autorin ausgehend von der eigenen Biografie zu beantworten. Durch die vielen popkulturellen Referenzen wie Songtexte oder Internet-Trends verortet sie sich und ihre Erfahrungen in den Jahren des frühen 21. Jahrhunderts. Das Buch ist für Menschen in Popovs Alter (wie uns zum Beispiel) entsprechend nahbar geschrieben und leicht lesbar.
Bildbeschreibung: Das Buch »Kein Bock Club« von Maria Popov auf einer ace Flagge. Das Cover hat einen blauen Hintergrund, darauf in großen Blockbuchstaben der Name der Autorin (weiß) und der Titel (rosa). Dazwischen ein Bild von zwei hellhäutigen Unterbeinen in weißen Socken und ein roter Kreis mit dem Untertitel: »Warum wir auch mal keinen Bock auf Sex haben«.
Was uns gefällt
Zentral steht der Begriff ›Bock‹, den die Autorin als Sammelbegriff für »die gemeinsamen Aspekte von Anziehung, Lust und Libido« (S. 15) verwendet. Darauf aufbauend verwendet sie auch ›(keinen) Bock haben‹ als Sammelbegriff für viele verschiedene Erfahrungen. So kann sie gleich zum Punkt kommen und gesellschaftliche Tendenzen rund um diese Themen aufzeigen, ohne sich mit langen (und teilweise komplexen) Definitionen aufhalten zu müssen.
Der Fokus liegt demnach gar nicht so sehr auf Asexualität, sondern eher auf verschiedenen Möglichkeiten und Ansätzen, keinen Sex zu haben bzw. keinen Sex haben zu wollen sowie angrenzenden Themenbereichen wie etwa Beziehungsgestaltung.
Die (auto-)biografischen Anteile lockern den Sachtext auf und erleichtern mitunter den Zugang zu theoretischen Konzepten. Zudem verweist die Autorin immer wieder darauf, dass Dinge komplexer sind als uns gesellschaftlich oft vermittelt wird.
Was uns nicht gefällt
Leider scheint sich dieses Bewusstsein um Komplexität nicht konsequent durch den Text zu ziehen. So sei ihr zwar klar, dass es nicht-binäre Menschen gibt, zeitgleich schreibt sie etwa von »er oder sie« (S. 42) und spricht von Allonormativität nur im Kontext von sexueller Orientierung (nicht auch von romantischer Orientierung). Klar, ein Text kann nie jede Komplexität der Welt vollständig abbilden, aber er ließe sich mit einfachen Mitteln so gestalten, dass er mehr Raum für Komplexitäten lässt.
Die Quellenlage erscheint uns v.a. in Bezug auf den Themenbereich Asexualität (sowie, daran anschließend, dem Themenbereich Aromantik) grob unvollständig. So werden etwa keine Quellen oder Ressourcen aus der deutschsprachigen ace Community erwähnt (z.B. AktivistA, InSpektren, Aspec* German, Carmilla DeWinter, wir). Dadurch wirkt es, als habe die Autorin keinerlei Zugang zur, Wissen um oder Interesse für die deutschsprachige ace Community.
Das Unterkapitel »Das A in LGBTQIA+« ist genau das, wonach es für pessimistische aspec Aktivistis klingt: Es geht um Asexualität, nicht aber um Aromantik, Aplatonik, Ageschlechtlichkeit, etc. Darin wird zudem unreflektiert der 1%-Quatsch reproduziert.
Aromantik wird etwas später dann doch noch erwähnt, allerdings weniger nuanciert als Asexualität (vgl. S. 141) und im Kontext ebenjener. Zudem wird andere Sprache verwendet als für Asexualität, was sich nach Othering anfühlt. So wird Aromantik zuerst als Konzept eingeführt statt als Identität oder Orientierung: »Neben Asexualität gibt es auch noch das Konzept der Aromantik.« (S. 141) Erst später wird Aromantik als Orientierung vorgestellt, »bei der Individuen keine romantische Anziehung gegenüber anderen Menschen empfinden.« (S. 141) Anders als für Asexualität wird hier also kein Raum für Nuancen eingeräumt.
Ein dritter Punkt, der sich nach Othering anfühlt, ist die Formulierung »Asexualität und aromantische[ ] Identitäten« (S. 141). Die Wichtigkeit der Unterscheidung zu Asexualität wird zwar hervorgehoben, aber nicht konsequent mitgedacht.
Insgesamt sind wir von der Quellenlage nicht überzeugt: Stellenweise vermissen wir Quellenangaben gänzlich und wiederholt ist die Rede von ›viel‹, ›selten‹ oder ›manche‹, ohne genauer einzuordnen, was das in dem Kontext konkret bedeutet (an der Stelle Shoutout an unseren wunderbaren Lektor Tristan, der sehr darauf geachtet hat, dass wir genau das nicht tun).
Für wen könnte das Buch was sein?
Das Buch enthält viele Informationen und lässt sich dennoch leicht lesen. Die Szenen aus dem Leben der Autorin betten das Theoretische ein und machen es nachvollziehbar. Leute, für die unser eher theoretisch-distanzierter Ansatz nicht gut funktioniert, finden hier vielleicht eher Zugang.
»Kein Bock Club« ist kein Buch über Asexualität – zeitgleich ist es auch nicht kein Buch über Asexualität. Ausgehend von verschiedenen Ansatzpunkten geht es um den Stellenwert von Sex und Sexualität in westlichen (Mehrheits-)Gesellschaften, und zwar aus einer asexuellen Perspektive. Konzepte aus den ace Communities und Wissenschaften werden angerissen, erklärt und in einen kulturellen Kontext eingebettet. Zeitgleich werden Menschen, die sich bereits eingehend mit Asexualität befasst haben, hier vermutlich allenfalls wenige neue Erkenntnisse speziell zu Asexualität finden.
Das Buch ist demnach etwas für Menschen, die einen groben Überblick über Möglichkeiten des Keinen-Bock-Habens suchen.
