Asexualität und Kirche

09.12.2025

Zusammen mit Lennard und Jonas vom LSVD.SH haben wir uns gefragt: Was sagen eigentlich Kirchen zu Asexualität? Also haben wir ein paar Kirchen angeschrieben.

Mehr zu den Hintergründen findet ihr bei Instagram und beim LSVD. Hier veröffentlichen wir unsere E-Mail, mit der wir Kontakt zu den Kirchen aufgenommen haben, sowie die fünf Antworten, die wir darauf bekommen haben.

unsere Anfrage

Sehr geehrte*r [Name der Ansprechperson],

wir sind Annika Baumgart und Katharina Kroschel vom Bildungsprojekt ace_arovolution. Aktuell arbeiten wir gemeinsam mit dem angehenden Theologen und Landesvorstandsmitglied des LSVD⁺ – Verband Queere Vielfalt Schleswig-Holstein Lennard Grommek an einem Projekt zum Thema Asexualität im Christentum und haben uns hierzu unter anderem mit dem 1 Kor 7 auseinandergesetzt: Ehe und Ehelosigkeit. Bei Asexualität handelt es sich um eine sexuelle Orientierung; asexuelle Menschen empfinden wenig bis keine sexuelle Anziehung und/oder kein bis wenig Interesse an Sex. Gern wollen wir nun – neben unserer Auslegung von 1 Kor 7 – wissen, wie die Einstellung(en) der Kirchen einer solchen Orientierung gegenüber sind. Um es in zwei konkreten Fragen zu formulieren:

  1. Welche Bedeutung hat die Ehe der Gläubigen für [die Kirche / Gemeinde] und welche Konsequenzen ergeben sich entsprechend für ehelos lebende Gläubige?

  2. Welche Haltung vertritt [die Kirche / Gemeinde] gegenüber Menschen, welche sowohl außerhalb als auch innerhalb der Ehe keinen Sex haben (wollen)?

Die Ergebnisse unserer Arbeit möchten wir veröffentlichen und hierfür u.a. die Position [der Kirche / Gemeinde] einbringen. Wir würden uns sehr freuen, von Ihnen zu hören und stehen für Rückfragen gern zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Annika Baumgart und Katharina Kroschel

Antworten

Wir haben 17 Kirchen / Gemeinden angeschrieben, von denen 5 geantwortet haben: die Nordkirche, die Katholische Kirche in Lübeck und Umgebung, die Kirche des Heiligen Johannes von Kronstadt, das Bistum Limburg und das Erzbischöfliche Ordinariat München.

Wir veröffentlichen hier die vollständigen Antworten auf die obige Anfrage. Wir halten uns vor, die Namen der Personen zu zensieren, die uns geantwortet haben.

Linienzeichnung eines Kirchturms
Linienzeichnung eines Kirchturms

Nordkirche

Asexualität im modernen Sinn, nach der Sie fragen, ist nicht gerade eines der Hauptthemen der Nordkirche. Tatsächlich haben wir uns aber mit dieser Form der Ausgestaltung von Sexualität vor einigen Jahren in der Landessynode befasst. 2019 hat die Landessynode aus Anlass eines Beschlusses über die Trauung von Schwulen und Lesben einen Thementag "Lebensformen" gestaltet. Im Laufe dieses Tages gab es mehrere Personen, die über den Tag verstreut ein "Blitzlicht" abgegeben haben über ihre Art der Lebensform. Darunter waren nicht nur Schwule und Lesben, sondern auch bisexuelle Personen, traditionelle Lebensformen älterer Ehepaare mit Enkelkindern und dergleichen. Darunter war auch eine Frau, die bewusst allein lebt und sich als asexuell bezeichnet, aber trotzdem nicht a-sozial (also ohne Gemeinschaft oder allein) lebt – im Gegenteil!

Zur Illustration: zu dieser Synode gab es zur Vorbereitung für die Synodal:innen ein vorbereitendes Impulspapier; Sie finden es als Anhang an diese Mail.

Bei diesem Thementag ging es vor allem darum, dass wir uns in dieser Gesellschaft überhaupt gegenseitig mit unterschiedlichen Lebensformen und Lebensentwürfen wahrnehmen. Dass betraf auch die asexuelle Lebensweise. Es ging weniger darum, irgendetwas zu verurteilen oder überhaupt nur zu bewerten.

Insofern entspricht diese Haltung sehr gut einem Buch, dass 2015 unter dem Titel "Unverschämt schön!" von Peter Dabrock u.a. erschienen ist. In dem Buch werden einige Kriterien zur Beurteilung von Sexualität genannt, wie Freiwilligkeit, Achtung von Andersheit u.a.m. Dabei erfahren eigentlich nur Pornografie, Sadomasochismus und Prostitution eine teilweise kritische Bewertung.

Mit sexueller Enthaltsamkeit hat die Kirche eigentlich – betrachtet mit einem etwas oberflächlichen Blick durch die Geschichte – keine Probleme. Im Gegenteil! Sexuelle Enthaltsamkeit war immer wieder, vor allem im Zusammenhang klösterlicher Milieus, geradezu ein Ideal. Solche Texte wie z.B. der von Ihnen genannte 1. Kor 7 sind dafür sicher ein Grund, auch wenn dieser Text die Sexualität in geradezu moderner Weise beschreibt – aber sicher nur als "second-best"-Lösung. Wobei es in vielen Fällen darum ging, dass dem eigenen, wahrgenommenen Trieb kein Raum gegeben werden sollte. Es ging also um eine Art freiwilligen Verzicht. Selten wird dabei die Erfahrung wahrgenommen, dass ein Mensch Sexualität nicht ausleben möchte, egal, ob dies nun als eine Art Veranlagung verstanden wird, oder z.B. durch eine Gewalterfahrung ausgelöst wurde oder dergleichen.

Bezüglich der Bedeutung der Ehe und der Haltung gegenüber ehelos Lebenden hat die Nordkirche ihre Haltung ähnlich der gesamten deutschen Gesellschaft verändert. Vielleicht spielten lange Zeit eher traditionelle, bürgerliche Werthaltungen in der Kirche eine besondere Rolle, manchmal in einer lutherischen Kirche verstärkt durch das Vorbild Luthers selbst, der aus dem Mönchtum bewusst ausschied, heiratete und etliche Kinder hatte. Das hat sich aber sehr aufgelöst; die Kirche ist genauso divers wie der Rest der Gesellschaft, niemand wird seltsam angeschaut, weil die Person nicht verheiratet ist. Selbst in der Pastor:innenschaft sind diverse Personen, mit der Pfarrperson TaschHilterscheid ist auch jemand für queersensible Bildungsarbeit beauftragt.

Davon unterscheiden sollte man die Ehe als Rechtsinstitution. Der Staat selbst macht auch keine Vorschriften zur Ausgestaltung der Ehe, z.B. ob man eine gemeinsame Sexualität teilt oder nicht. Die Kirche tut dies im Rahmen ethischer Überlegungen natürlich auch nicht. Dies ist den Partner:innenüberlassen. Die Ehe spielt dabei eigentlich keine Rolle, es sei denn, man wollte die Ehe allein oder jedenfalls zum größten Teil durch die Zeugung von Kindern legitimiert sehen. Hier ist aber nicht bekannt, dass im Kontext evangelischer Kirche jemand solche Haltungen vorbringt.

Wenn Sie weitere Fragen haben, wenden Sie sich gern wieder an uns!

Linienzeichnung eines Kirchturms in Lübeck
Linienzeichnung eines Kirchturms in Lübeck

Zu den Lübecker Märtyrern Katholische Kirche in Lübeck und Umgebung

In unserer Kirche ist die Ehe als Sakrament ein sichtbares Zeichen der Liebe Gottes, das zwei Menschen miteinander verbindet. Gleichzeitig gibt es eine lange - auch bibisch belegte - Tradition der Wertschätzung des ehelosen Lebens in der katholischen Kirche! Ehelosigkeit ist also nicht als Mangel zu verstehen, sondern eine mögliche Lebensform. Wichtig ist, wie gelingt es "in der Spur von Gott", die veschiedenen Lebensbezüge zu leben und zu entfalten? Hierzu zählt, die Würde und Einzigartigkeit jedes Menschen als Geschöpf Gottes zu achten.

Ihre Anfrage erreicht uns zu einem Zeitpunkt, da das Gremium des Pfarrpastoralrates in der Sommerpause ist. Ab September werden wir uns mit dem Thema Asexualität im Gremium beschäftigen.

Mit freundlichen Grüßen

Linienzeichnung einer Kirche
Linienzeichnung einer Kirche

Kirche des Heiligen Johannes von Kronstadt

Nach Rücksprache mit unserem Kirchenvorsteher kann ich Ihre Fragen wie folgt beantworten:

Die Familie/die Ehe nennt man in der Orthodoxie "die kleine Kirche", ehelos lebende Gläubige werden aber genauso akzeptiert und geliebt, wir sind alle Brüder und Schwestern in Christo. Alle anderen Fragen werden individuell zwischen dem Priester und dem/der Gläubigen bei der Beichte besprochen, diese und ähnliche Themen gehen sonst niemanden was an.

Linienzeichnung zweier Kirchtürme in Limburg
Linienzeichnung zweier Kirchtürme in Limburg

Bistum Limburg

Welche Bedeutung hat die Ehe der Gläubigen für das Bistum Limburg und welche Konsequenzen ergeben sich entsprechend für ehelos lebende Gläubige?

Im Jahr 2016 hat Papst Franziskus ein Schreiben namens "Amoris Laetitia" veröffentlicht. Darin sagt er, dass die Ehe für die katholische Kirche sehr wichtig ist. Die Ehe ist eine Verbindung zwischen zwei Menschen, die auf Liebe, Treue und gegenseitiger Unterstützung basiert. Sie verweist auf die Liebe Gottes. Die Ehe ist ein Weg, bei dem man gemeinsam wächst, Liebe entwickelt und lernt, Konflikte zu lösen. Wenn Menschen heiraten und eine Familie gründen, ist das eine Entscheidung, um ihre Berufung zu leben: Liebe zu geben und zu empfangen.

Das Schreiben sagt auch, dass Menschen, die nicht verheiratet sind, genauso Teil der Kirche sind und Verantwortung für die Gemeinschaft tragen. Liebe zeigt sich auf viele Arten, z.B. durch Gastfreundschaft, Treue, Großzügigkeit, Verlässlichkeit und Geduld. Diese Werte sind auch in Freundschaften wichtig. Für Menschen im Bistum Limburg, die nicht verheiratet sind, gibt es gleichermaßen Unterstützung, damit sie ihren Glauben leben können – so wie es auch Angebote für Ehepaare gibt.

Welche Haltung vertritt das Bistum Limburg gegenüber Menschen, welche sowohl außerhalb als auch innerhalb der Ehe keinen Sex haben (wollen)?

Das Bistum Limburg respektiert und wertschätzt die persönliche Entscheidung von Menschen, ob sie Sexualität leben oder nicht – sowohl innerhalb als auch außerhalb der Ehe. Sexualität ist ein Geschenk, sie gehört zum Leben, aber sie ist kein Zwang. Wer sich für Enthaltsamkeit entscheidet – aus persönlichen, spirituellen oder anderen Gründen – verdient denselben Respekt wie Menschen, die ihre Sexualität leben. Entscheidend ist für uns: Jeder Mensch ist von Gott geliebt und soll seinen Weg frei und in Würde gestalten können.

Linienzeichnung zweier Kirchtürme in München
Linienzeichnung zweier Kirchtürme in München

Erzbischöfliches Ordinariat München

vielen Dank für Ihre Fragen zum Eheverständnis der Erzdiözese München und Freising im Kontext von Asexualität und Aromantik! Die Pressestelle der Erzdiözese München und Freising hat Ihre Anfrage an mich weitergeleitet. Mein Name ist Michael Brinkschröder und ich bin aktuell Projektleiter Regenbogenpastoral und ab dem 1.9. Fachbereichsleiter Queerpastoral in der Erzdiözese. Ich kann nicht für die Erzdiözese insgesamt sprechen, sondern nur für die Queerpastoral in unserer Erzdiözese.

Offiziell arbeiten wir in der Queerpastoral aktuell auf der Basis von LSBTI+, d.h. Asexualität/Aromantik sind bislang noch nicht explizit als Thema aufgetaucht und es hat sich auch noch kein Gremium der Queerpastoral (AK Queerpastoral oder Netzwerk Queerseelsorge) inhaltlich damit beschäftigt und eine Haltung entwickelt. Allerdings ist uns natürlich schon bewusst, dass es asexuelle und aromantische Menschen gibt. Ich bin daher für die Antwort auf meine eigene Auseinandersetzung mit dem Thema angewiesen.

1. Es gibt selbstverständlich keinen Zwang zur Eheschließung in der kath. Kirche. D.h. asexuelle bzw. aromantische Menschen sind in keiner Weise gezwungen, eine Ehe einzugehen. Aus der Ehelosigkeit ergeben sich für sie keine weiteren Vor- oder Nachteile im kirchlichen Leben. Menschen mit asexueller Orientierung oder ohne romantisches Interesse sind daher in der Kirche willkommen und gehören gleichberechtigt zu ihr.

In der kath. Kirche würde man Asexualität zunächst einmal mit dem Zölibat assoziieren, der die Voraussetzung für die Priesterweihe ist. Allerdings ist hier deutlich zu sagen, dass beides nicht miteinander gleichzusetzen ist. Unter Priestern, die den Zölibat versprochen haben, sind vermutlich einige asexuell, aber die meisten sicherlich nicht. Und umgekehrt ist Asexualität kein Gelübde, sondern eine Vorfindlichkeit.

2. Im Hinblick auf die Sexualität in der Ehe muss man verschiedene Perspektiven unterscheiden. Zum einen darf von niemandem, auch nicht vom Ehepartner oder der Ehepartnerin erwartet werden, dass der Partner oder die Partnerin auf Sexualität zu einem bestimmten Zeitpunkt Lust hat. Jede sexuelle Handlung muss eine freiwillige Hingabe an den/die Ehepartner:in sein und darf nicht – auch nicht durch einen mit der Ehe institutionalisierten Erwartungsdruck – erzwungen werden. Das wäre gewissermaßen die Perspektive der Selbstbestimmung.

Zum anderen existiert aber genau dieser institutionalisierte Erwartungsdruck durch das kirchenrechtliche Eheverständnis der kath. Kirche und zwar insofern als eine Ehe (zwischen Mann und Frau), die nicht (durch Geschlechtsverkehr) vollzogen worden ist, leichter wieder aufgelöst werden kann als wenn die Eheleute miteinander Sex hatten. Nach dieser kirchenrechtlichen Denklinie gehört die Sexualität also gewissermaßen konstitutiv zur Ehe dazu. Sofern aber in einer Ehe niemand von den Eheleuten die Annullierung beantragt, existiert sie weiter. Sollte eine grundsätzliche Ablehnung von Sexualität im Brautgespräch, d.h. in der Vorbesprechung vor der sakramentalen Eheschließung, von einem Partner formuliert werden, kann dies ebenfalls als Grund für eine Ungültigkeit der Ehe angesehen werden.

Sofern asexuelle Menschen außerhalb der Ehe keinen Sex haben wollen, aber mit ihrer Identität oder ihrem Glauben ein Problem haben, können sie gerne das Angebot der Queerseelsorge zum seelsorgerlichen Gespräch wahrnehmen, um auszuloten, welche Lebensform zu ihnen passt und wie sich das mit dem katholischen Glauben vereinbaren lässt. Sollten sie damit kein Problem haben, ist auch kirchlicherseits alles ok.

Ich hoffe, dass Ihnen diese Erläuterungen weiterhelfen! Falls Sie weitere Fragen haben oder die kirchenrechtliche Perspektive von einer Fachperson erläutert bekommen möchten, können Sie sich gerne noch einmal an mich wenden.

Mit freundlichen Grüßen

Mehr zum Thema:

  • Teil 1 unserer Reihe "Asexualität im Christentum" auf Instagram
  • Folge 15 des Podcasts ACE AROund the Cake zum Thema "Asexualität und Aromantik im Christentum"
Erstellen Sie Ihre Webseite gratis! Diese Website wurde mit Webnode erstellt. Erstellen Sie Ihre eigene Seite noch heute kostenfrei! Los geht´s