Rezension: Die größte Erfüllung (Sonja Weichand)
Überblick: Worum geht es?
Lore ist nicht-monogam und hat gern viel Sex – Esi ist asexuell und findet Sex eklig und überflüssig. Sie lernen sich im Studium kennen: zwei Außenseiterinnen, jede auf ihre Art. Lore und Esi sind beste Freundinnen. Nun ja … waren beste Freundinnen. An Tag X stürzt plötzlich alles in sich zusammen und verändert unwiderruflich ihre Freundschaft.
In kurzen, mosaikartigen Szenen setzt sich abwechselnd aus Lores und Esis Sicht ein Gesamtbild rund um diesen Tag X zusammen. In vielen kleinen Bruchstücken erfahren wir, was aus beider Sicht passiert ist, was dazu geführt hat und was danach passiert ist – und was es überhaupt mit diesem Tag X auf sich hat.

Bildbeschreibung: Das Buch "Die größte Erfüllung" von Sonja Weichand auf einer ace Flagge. Das Cover ist weiß mit lila schrift; darunter sind ein weißes Mädchen mit lila Schleife im Haar, ein angeschnittener Kuchen und eine junge, weiße Frau in 50er-Jahre-Makeup und einem schulterfreien Kleid mit tiefem Ausschnitt und skandalös hochwehendem Rock abgebildet.
Was uns gefällt
CN für kursiven Text in diesem Abschnitt: Sex, internalisierte Allonormativität, Nötigung, selbstverletzendes Verhalten, sexualisierte Gewalt
Esi ist eine Schwarze, asexuelle und sex-repulsed Frau in ihren 30ern, die verheiratet ist und eigentlich eine Familie mit Kindern haben möchte. Das ist auf mehreren Ebenen eine viel zu selten vorkommende Form der Repräsentation! Zudem finden wir v.a. Esis inneren Kampf mit Sex sehr gelungen und nachvollziehbar umgesetzt:
"Sie möchte wieder schreien. Wieso kann er nicht dieses Opfer [hier: mit ihr Sex zu haben, obwohl er keine Lust hat] bringen? Sie schafft es doch auch. Sie ist doch hier, in ihrer schönsten Unterwäsche. Sie war doch bereit, den Akt zu vollziehen. Niemand fragt, welche Überwindung das für sie ist. Esi spürt, wie ihr Wuttränen in die Augen steigen." (S. 267).
Die Figuren wirken insgesamt realistisch; sie sind dreidimensional und voller Fehler. Die mosaikartige Narrativstruktur machen den Roman trotz viel Introspektion (die uns auch gefällt) kurzweilig. Auch die Darstellung von Esis pychischem Ausnahmezustand beim Sex finden wir sehr gelungen, die Szenen sind sensibel und prägnant, ohne krasse Gewalt darzustellen:
"'Ich habe mir das so gewünscht', flüstert Benjamin in seiner dunklen Bettstimme. Esi hört ihn von weit weg. Als würde er hinter einem riesigen Wasserfall stehen. Seine Hände sind überall auf ihr. Jetzt fährt eine unter ihre Bluse, umfasst ihre rechte Brust, dann ihre linke. Er muss sich immer versichern, dass beide noch da sind. Hoffentlich reißt kein Knopf. Wenn nur das Rauschen nicht wäre! Esi spürt einen stechenden Kopfschmerz. Die Lautstärke ist nicht auszuhalten!" (S. 290)
Was uns nicht gefällt
Die Figuren haben mit Ende 30 exakt die gleichen Probleme wie in ihrer Teenie-Zeit. Das ist sicherlich nicht unrealistisch – wir haben uns trotzdem daran gestoßen, weil es aus unserer Sicht so vermeidbar hätte sein können: Beiden Figuren stehen viele Ressourcen zur Verfügung, um sich mit sich und den eigenen Ängsten / Erwartungen auseinanderzusetzen und sie nutzen keine einzige davon. Auch das ist nicht unrealistisch, aber uns hat hier eine Erklärung dafür gefehlt, damit wir mehr Empathie für die Figuren hätten aufbauen können. (Generell finden wir beide Protagonistinnen eher unsympathisch, but not in a fun way.) Wir hätten es darüber hinaus auch einfach interessanter gefunden, hätten sich die Figuren und ihre Probleme weiterentwickelt.
Daran schließt eine Kritik an, die uns auch schon bei anderer ace Repräsentation (konkret: Dovydas aus dem Film Slow) gestört hat: Esi findet zwar zu AVEN, hat aber darüber hinaus keinen Bezug zur oder gar Austausch mit der ace Community. Anders als Lore hat sie auch niemanden, di*er wirklich auf ihrer Seite ist, wodurch sie noch mehr allein (gelassen) mit ihren Gedanken und Problemen ist (und somit ein Vorurteil gegenüber asexuellen Menschen bestärkt). Außerdem mochten wir persönlich nicht, wie sehr jede Handlung der beiden Protagonistinnen Männer zentriert – v.a. Lore, die sich selbst (gern?) als Feministin sieht, aber dann weder in Handlungen noch in ihren eigenen Gedanken diesen Feminismus umsetzt.
Die Darstellung von 'Polyamorie' (laut Backcover) reiht sich ein in eine lange Reihe, die polyamore Menschen als sex-zentiert, bindungsscheu und verantwortungslos darstellt – zumindest was Lore angeht, die wir weniger als polyamor gelesen haben und mehr als sex-obsessed (denn Sex ist für sie ein Mittel zum Zweck). Dafür gibt es mit Arthur eine tatsächlich polyamore Nebenfigur im Buch!
Das Buch beinhaltet keine Content Notes; wir hätten uns welche gewünscht (unsere Liste führen wir am Ende dieses Beitrags an). Die Organisation AVEN (kurz für Asexuality Visibility and Education Network) wird konsequent als Aven geschrieben und es gibt einen Typo in Cameron Awkward-Richs Namen; beides ist uns beim Lesen negativ aufgefallen.
Für wen könnte das Buch was sein?
Das Buch ist ein Roman über Freundinnen, die einander sehr unähnlich sind – aber es ist kein Roman über Freundschaft (was unserer Erwartung entsprochen hätte). Es ist ein Buch für Erwachsene, die sich für Introspektion und Zweite-Welle-Feminismus interessieren.
Wir halten es nicht geeignet für Leute, die noch nichts über Polyamorie und/oder Asexualität wissen und die mehr darüber lernen möchten.
Content Notes
Im Buch selbst sind keine Content Notes enthalten; daher unser Vorschlag für eine CN-Liste für den Roman "Die größte Erfüllung" von Sonja Weichand:
- Aspecfeindlichkeit (internalisiert & von außen, darunter Pathologisierung, aspec erasure, Mikroaggressionen etc.)
- Rassismus
- Misogynoir
- Sex
- Selbstverletzung
- Corona-Pandemie
- Betrug in engen Beziehungen
- Fehlgeburt / ungewollter Schwangerschaftsabbruch
- Erwähnung von Harry Potter an zwei Stellen
Für Transparenz:
Wir haben ein kostenloses Rezensionsexemplar von "Die größte Erfüllung" erhalten.
